Haben die Piloten den Start falsch berechnet?

Beinahe-Katastrophe am Münchner Flughafen: Eine Boeing 787 von Vietnam Airlines hat beim Start am Samstag nur knapp ein schweres Unglück verhindert.

Der Dreamliner mit dem Kennzeichen VN-A867 war als Flug VN34 von München nach Hanoi unterwegs. An Bord befanden sich laut den vorliegenden Berichten 259 Menschen. Die Maschine beschleunigte auf der rund 4.000 Meter langen Startbahn, hob jedoch ungewöhnlich spät ab und geriet dabei über das Ende der befestigten Piste hinaus. Erst rund 120 Meter hinter dem Bahnende soll das Flugzeug tatsächlich abgehoben haben.

Dabei kam es offenbar zu einem sogenannten Tailstrike: Das Heck der Boeing berührte den Boden. Außerdem wurden Teile der Startbahn beziehungsweise deren Beleuchtung beschädigt. Der Vorfall wird inzwischen untersucht. Die genaue Ursache steht noch nicht fest.

Besonders brisant ist die Tatsache, dass der Dreamliner trotz des extrem späten Abhebens weitersteigen konnte. Für die Menschen an Bord muss der Start dennoch ein erschreckender Moment gewesen sein. Aufnahmen des Abflugs zeigen, wie die Maschine erst sehr spät von der Piste abhebt und dabei Staub hinter sich aufwirbelt.

Nach dem Start setzte die Besatzung den Flug nach Hanoi nicht fort. Stattdessen blieb die Boeing zunächst in der Umgebung von München und kehrte anschließend zum Flughafen zurück. Nach Angaben mehrerer Berichte musste das Flugzeug zuvor Treibstoff ablassen beziehungsweise sein Gewicht für die Rückkehr reduzieren.

Bei der anschließenden Landung wurden Schäden an Reifen und Fahrwerk festgestellt. Das Flugzeug konnte danach nicht normal weiterbewegt werden und musste abgeschleppt werden. Verletzt wurde nach bisherigem Stand niemand.

Was ging beim Start schief?

Genau diese Frage beschäftigt nun die Ermittler. Bei einem Langstreckenflug wird vor dem Start unter anderem anhand von Gewicht, Wetter, Wind, Temperatur, Pistenbedingungen und weiteren Faktoren berechnet, welche Startleistung erforderlich ist. Auch die entsprechenden Geschwindigkeiten und die Konfiguration des Flugzeugs werden festgelegt.

In sozialen Netzwerken und unter Luftfahrtexperten werden deshalb verschiedene mögliche Erklärungen diskutiert – darunter eine fehlerhafte Berechnung der Startleistung oder eine falsche Einstellung. Solche Vermutungen sind derzeit jedoch nicht als Ursache bestätigt. Auch Fachmedien betonen, dass die tatsächlichen Gründe erst durch die Untersuchung geklärt werden können.

Die Auswertung der Flugschreiber könnte dabei entscheidende Hinweise liefern. Der Flugdatenschreiber kann unter anderem zeigen, wie schnell sich das Flugzeug während des Starts bewegte, welche Triebwerksleistung anlag und welche Parameter im Cockpit eingestellt waren. Der Cockpit-Sprachrekorder könnte zusätzlich Aufschluss darüber geben, was die Piloten während des kritischen Starts wahrgenommen und besprochen haben.

Ein früherer Pilot der Airline hat gegenüber BILD bereits einen konkreten Verdacht geäußert. Allerdings handelt es sich dabei um eine Einschätzung und nicht um ein offizielles Ergebnis der Untersuchung.

Der Vorfall hatte auch Auswirkungen auf den Flughafenbetrieb. Eine Start- und Landebahn musste vorübergehend gesperrt werden, nachdem die Maschine zurückgekehrt war und anschließend abgeschleppt wurde. Teile der beschädigten Infrastruktur mussten überprüft und repariert werden. Am Sonntag lief der Flugbetrieb nach Angaben der Flughafenberichterstattung wieder normal.

Für die 259 Menschen an Bord endete der dramatische Flug letztlich glimpflich. Doch die Bilder des Starts zeigen, wie knapp die Situation gewesen sein könnte.

Was genau dazu führte, dass ein voll beladener Dreamliner auf einer rund vier Kilometer langen Startbahn so spät abhob, ist weiterhin offen. Die Ermittler müssen nun klären, ob ein technischer Fehler, falsche Berechnungen, eine fehlerhafte Einstellung oder eine Kombination mehrerer Faktoren hinter dem Zwischenfall steckt.

Fest steht bislang nur: Der Flug nach Hanoi wurde nicht fortgesetzt, das Flugzeug kehrte sicher nach München zurück und es gab keine Verletzten. Die endgültige Erklärung für den ungewöhnlichen Start steht noch aus.

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