Unser Noah (2) hätte nicht sterben müssen
Berlin – Noah (2) war ein gesunder, fröhlicher Junge, der die Menschen um sich herum glücklich machte. Bis er mit Atemnot als Notfallpatient auf das Berliner Gesundheitssystem angewiesen war. Drei Tage später war er tot – und keiner will Verantwortung tragen.
Eine Kinderärztin, die seine Behandlung verweigerte. Eine Klinik, die ihn nach fünf Minuten entließ. Ein Notarzt, der sein Leben nicht rettete … „Noahs Tod ist kein Zufall“, sagt sein Vater Norman Z. (42) aus Neukölln, „sondern eine Kette von Versagen und Nichtstun.“
Noahs Vater hat die furchtbaren Bilder im Kopf
Die furchtbaren Eindrücke drängen sich dem Vater immer wieder auf: Mit seinem Sohn ist er im Aufzug. Er hört ihn röcheln. Noahs Finger umklammern seine Hand, drücken sie immer stärker, die Augen treten aus den Augenhöhlen heraus, dann kippt sein Kopf nach hinten. Jede Nacht sieht er die Bilder, die letzten Sekunden vor der Einäscherung. Er begleitete Noah bis ins Krematorium. „Noah liegt da, sieht aus, als würde er gleich die Augen aufschlagen, aufstehen und schaukeln gehen“, sagt er. Seine Frau Özge Z. (42) und er sind überzeugt: Noah hätte nicht sterben müssen!
Sie haben Strafanzeige wegen unterlassener Hilfeleistung und fahrlässiger Tötung erstattet.
Das Protokoll von Noahs Sterben
Sonntag, 13. Oktober 2024: Noah erkrankt an einer Corona-Infektion mit über 40 Grad Fieber. Er bekommt schlecht Luft, isst und trinkt nicht mehr. Die Bestätigung der Online-Terminbuchung bei der Kinderärztin für den Folgetag enthält den Hinweis: nicht mit Corona kommen!
Montag, 14. Oktober: Rund 60 Mal ruft Norman Z. in der Praxis an. Als er mit der Ärztin sprechen kann, sagt sie: Auf keinen Fall vorstellig werden! Er könne aber ein Rezept für Bronchialtropfen abholen.
Abends wird Noahs Atemnot schlimmer. Seine Lippen verfärben sich blau. Der Vater ruft die 112 an. Die Sanitäter bringen Noah in die Kindernotaufnahme des Vivantes-Klinikums Neukölln. Um 20.07 Uhr erfolgt nach Behandlungsbericht die Triage. Noah wird in Kategorie „Rot“ eingestuft, die Untersuchung müsse „sofort“ erfolgen! Ein Arzt sollte ihn spätestens um 20.08 Uhr sehen.
Tatsächlich findet der erste Kontakt erst um 20.30 Uhr statt. Eine Assistenzärztin hört Noah durch die Kleidung hindurch ab. Im Protokoll vermerkt sie: gesundes Atemgeräusch. Den Puls und den Blutsauerstoffgehalt erfasst sie nicht. Behandlungsende: 20.35 Uhr. Sie übergibt der Mutter ein Cortisol-Zäpfchen. Dieses soll sie verabreichen, wenn Noah blau anlaufe. In der Nacht halten die Eltern auf dem Balkon Noah aufrecht im Arm, weil er kaum Luft bekommt.
Dienstag, 15. Oktober: Erneut Versuche, die Kinderärztin zu erreichen. In der Praxis erhält der Vater dann einen Termin für den späten Nachmittag. Kurz nach 14 Uhr will er mit seinem Sohn einen Spaziergang machen, steigt mit ihm in den Aufzug. „Noah holte ein letztes Mal Luft, dann kollabierte er“, berichtet er. Noah hat einen Herz-Kreislauf-Stillstand.
Verzweifelt versucht der Vater, seinen Sohn wiederzubeleben. Um 14.08 Uhr wählt er den Notruf, hängt vier Minuten in der Warteschleife, bis der Anruf entgegengenommen wird. Laut Einsatzprotokoll der Berliner Feuerwehr (liegt BILD vor) treffen die ersten Retter um 14.28 Uhr ein. Zwanzig Minuten nach dem ersten Anrufversuch. Ein Feuerwehrsprecher sagt dagegen jetzt zu BILD: Bereits um 14.20 Uhr sei der erste Helfer laut Leitstellenprotokoll dort gewesen. Fakt ist: Bereits nach drei bis fünf Minuten Sauerstoffmangel sterben Gehirnzellen ab.
Die Retter versuchen erfolglos, einen Beatmungsschlauch zu platzieren. Ein Notarzt, der mit dem Hubschrauber eintrifft, stellt einen weißlichen Gegenstand im Rachen fest, höchstwahrscheinlich einen Schleimpfropf. Ohne ihn abzusaugen, schiebt er den Beatmungsschlauch tiefer. Auf dem Weg ins Klinikum Neukölln bekommt Noah wegen der verstopften Atemwege nicht genug Sauerstoff, so steht es im Vivantes-Arztbrief. In der Klinik wird weißer, dicker Schleim aus Noahs Luftwegen gesaugt. Eine Untersuchung zeigt, er ist bereits hirntot.
Mittwoch, 16. Oktober, 2.24 Uhr stirbt Noah.
Die Charité-Rechtsmediziner schreiben im Obduktionsbericht, dass Noahs Luftwege durch zähen Schleim verstopft waren. Als Todesursache geben sie eine massive Hirnschwellung an. Sie entsteht unter anderem durch Sauerstoffmangel.
Noahs Eltern sind in tiefer Trauer. Norman Z. weint und sagt: „Jeden Tag gucke ich in den Spiegel: Ich konnte meinen Sohn nicht retten …“
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